Die Geschichte vom zerschmetterten Ego
- Eleni Ioannidou
- 4. Nov. 2025
- 15 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Nov. 2025
„Nabucco“ von Giuseppe Verdi im Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz (Premiere am 1.November 2025)

Die Premiere eines zeitlosen Klassikers gleicht immer einer Uraufführung, denn obwohl sich die Epochen unterscheiden, bleibt das Thema immer erstaunlich aktuell und relevant. So findet etwas ganz Besonderes an diesem Allerheiligen-Samstag, dem ersten Tag des „transformativen“ Monats November 2025 statt. Während überall Machthaber und ihre Söldner Kriege anzetteln, präsentiert das Gerhart-Hauptmann-Theater Giuseppe Verdis Meisterwerk „Nabucco“.
Das Theater ist gut besucht; der Tag war sonnig. Viele bekannte Gesichter begrüßen uns im Foyer. Alle lieben Giuseppe Verdi und freuen sich darauf, eine der Opern zu sehen, die seit ihrer Uraufführung im Jahr 1842 in Mailand nichts von ihrer Schönheit verloren hat. Die Geschichte wiederholt sich bekanntlich und die ewigen Archetypen des Theaters finden sich immer wieder neu und in jedem Winkel der Welt. Gute Intendanten spüren diese historischen Parallelen zwischen dem "Hier und Jetzt" und der "universellen Ewigkeit" und schöpfen mit feinem Gespür aus dem Quell theatralischer Weisheit, um das richtige Stück auf ihre Bühne zu bringen. Auch wenn der künstlerische Leiter kein Gott ist und wir daher auch menschliche Fehler von ihm erwarten müssen, kann er, wenn er die Macht an die höchste Instanz abgibt, Wunder vollbringen. Dies ist schließlich die Lehre aus „Nabucco“, zugleich eine der wichtigsten (wenn nicht die wichtigste) Lehren für die Menschheit. Selbst Verdi erkannte diese Lehre im Libretto von Temistocle Solera – in einer Zeit schwerer Schicksalsschläge (Tod von Ehefrau und Kindern, Misserfolg seiner zweiten Oper) und übergab die Macht über sein Leben und Werk dem Höchsten, was ihm den Durchbruch ermöglichte.
Ist eigentlich in meinem Vorwort die Anerkennung für den derzeitigen Intendanten des Theaters in Görlitz für diesen Titel im Programm erkennbar? Als leidenschaftliche Philosophin und Beobachterin des Weltgeschehens, kann ich Herrn Morgenroth für sein ausgezeichnetes Gespür nur gratulieren. Seine Wahl übrigens einer eher historisierenden als abstrakten Inszenierung, sein „laisser-faire“ an das Regieteam bei der Umsetzung einiger unkonventioneller Ideen - dazu später mehr - wie seine Auswahl der Besetzung ist ebenso lobenswert. Der lange Schluss-Applaus (mindestens vier Mal und stehende Ovationen) am Samstag Abend galt nicht nur der unsterblichen Geschichte und Verdis Musik, sondern auch ihm, dem Mann dahinter, der diese Produktion am 1. November 2025 ermöglicht hat.
Worum geht es aber in dieser Geschichte, und warum lohnt es sich, heute über Nabucco zu sprechen? Temistocle Solera, der Librettist, hatte selbst eine Lebensgeschichte wie ein Roman: Geboren wie Jesus am 25. Dezember (1815), wuchs er im Gefängnis der Festung Špilberk auf, wo sein Vater, ein Carbonaro, unter der österreichisch-ungarischen Herrschaft inhaftiert war, lebte als Strassenkünstler, Sänger, später Komponist und Dichter in Italien und Spanien und starb schließlich am Ostersonntag 1878 in Mailand. Bekannt ist er heute für die fünf Libretti, die er für Verdis erste Opern schrieb („Oberto“, „Lombardi alla prima crociata“, „Giovanna d’Arco" und „Attila“), aber insbesondere für „Nabucco“.
Die Geschichte ist ungewöhnlich für eine Oper; aufgrund ihres biblischen Themas lässt sie sich eher mit einem Oratorium vergleichen. Doch wenn man dem Libretto genau folgt, wie es vorgestern im Gerhart-Hauptmann-Theater dank einer gelungenen deutschen Übersetzung auf zwei Leinwänden möglich war, erkennt man sofort die unglaubliche Dramatik des Textes. Die Figuren, ihre psychologischen Entwicklungen, schicksalhaften Verstrickungen und Wandlungen, ihre Hybris und die metaphysischen Kräfte, die ihnen letztlich Erlösung bringen, machen „Nabucco“ zu einem wahren Shakespeare-Drama und nicht zu einer typischen Belcanto-Oper, das Genre das um 1842 noch auf den europäischen Bühnen zu sehen war. Es war daher ein schicksalhafter Moment im Leben von Verdi, als er in seiner Krise Soleras Libretto erhielt. Eine vollkommene Übereinstimmung der Geister von Dichter und Komponist in diesem bestimmten Moment der eigenen und Europas Geschichte (Vormärz), eine materialisierte Botschaft des Universums, und schon wurde dem Komponisten ermöglicht, nicht nur sein eigenes Leben auf eine neue Bahn zu bringen, sondern auch die Geschichte der Oper überhaupt. Denn es waren wahrhaft Zeiten der Revolution.
Im Jahr 1813 wurden zwei Genies der Opernwelt innerhalb weniger Monate geboren: Richard Wagner in Leipzig und Giuseppe Verdi in Busseto. Nicht nur Wagner revolutionierte mit seinem "Gesamtkunstwerk" und der tiefgründigen Philosophie und Mystik seiner Geschichten die Opernwelt. Auch Giuseppe Verdi vertonte tiefgründige Geschichten, basierend auf Werken von Größen wie Shakespeare, Schiller, Hugo, Dumas, Felice Romani oder Arrigo Boito. Seine Opern sind keine bloße Unterhaltung. Sie bieten tiefgreifende Theatererlebnisse mit Archetypen-Rollen, inklusive Drama und Katharsis. Und wie bereits erwähnt, begann dieser Werdegang, der später zu „Macbeth“, „Traviata“, „Rigoletto“, „Aida“ oder „Othello“ führen sollte, mit „Nabucco“.

Beim Betreten des Theaters erwarten wir daher eine griechische Tragödie mit biblischem Thema. Nabucco ist eine Rolle vom Kaliber eines Ödipus oder König Lear, Abigaille eine vom Kaliber einer Medea oder Lady Macbeth. Dennoch erwarten wir auch eine Belcanto-Oper, denn als die Oper 1942 in Mailand uraufgeführt wurde, komponierte Gaetano Donizetti Meisterwerke wie Lucrezia Borgia, Poliuto und La Favorita (1840), Linda di Chamounix (1842) und Don Pasquale (1843). Nichtsdestotrotz war bereits spürbar, dass die Welt des italienischen Belcanto langsam zu Ende ging. In der Zeit der Umbrüche und des Vormärz, sehnte sich die Menschheit nach einer neuen, authentischeren Realität und Kunst. Gioacchino Rossini beendete seine Operntätigkeit 1829, und seine letzte Oper "Wilhelm Tell," wirkte bereits wie ein Aufruf zu größerer Freiheit, nicht nur für die Welt, sondern auch für die musikalische Gattung der Oper (keine typischen Cavatines und Cabaletten in „Wilhelm Tell“). Verdis frühe Opern hingegen weisen noch deutliche Merkmale einer Belcanto-Oper auf (Cavatinen & Caballeten). Giuseppina Streponi, die in der Uraufführung Abigaille sang, war eine berühmte Belcanto-Tragedienne, die kurz zuvor Adelia in Donizettis gleichnamige Oper, Lucia di Lamermoor, Adina in "L’elisir d’amore", Norma, Puritani und Beatrice di Tenda von Bellini gesungen hatte. Diese Frau mit ihrem dramatischen Temperament war maßgeblich für Giuseppe Verdis Durchbruch, und ihre Fähigkeit, die anspruchsvolle Rolle der Abigaille zu meistern, erwies sich für Verdi auch hier als Glücksfall. Gaetano Donizetti war bei der Premiere anwesend und erlebte den überwältigenden Erfolg mit. Giuseppe und Giuseppina wurden bald ein Paar und lebten bis 1859 zusammen als sie endgültig heirateten.
Was nicht alles im Leben eines Menschen passieren kann, wenn er endlich die Kontrolle dem Höchsten übergibt („surrender“) und sein Ego überwindet. Giuseppes Seele erkannte im Libretto von Nabucco diese Notwendigkeit seinem Schicksal zu vertrauen und siehe da: Sein Erfolg war bahnbrechend. Genau so lief auch die Geschichte des babylonischen Königs Nabucco, der als Herrscher zweimal Hybris beging: erstens, als er sich während der Eroberung Jerusalems selbst zum Gott erklärte, und zweitens, als er, Vater einer unehelichen, von einer Sklavin geborenen Tochter (Abigaille) ihr keine Rechte erkennt, was vermutlich der Grund dafür war, dass diese Frau psychische Narben davontrug. Abigaille ist in der Tat das zweite "Ego", das in dieser Oper zerbrechen wird, und wie schon ihr Vater vor ihr, betet sie in ihrer letzten Arie um Vergebung und die Gnade des Gottes der Israeliten und findet schliesslich Erlösung. Gleichzeitig mit dem Ego der zwei Babylonischen Protagonisten, zerbricht auch das Götzebild des Baal.
Der Erfolg der Oper von ihrer Uraufführung bis heute ist genau diesen tiefgründigen dramatischen Konstellationen und ergreifenden musikalischen Momenten zu verdanken: Seit fast 200 Jahren berühren Melodien wie der Chor der gefangenen Hebräer „Va pensiero sull’ali dorate“ oder die Wahnsinns-Szene von Nabucco „Chi mi toglie il reggio scettro“, seiner Umkehrarie „Dio di Giuda“, Fenenas Gebet „Oh, dischiuso é l firmamento“ und schließlich Abigailes Schlussszene „Su me morente, esanime“ alle Menschen, Experte oder Laien…
Mein Mann Heinz zum Beispiel, der sich mit Oper überhaupt nicht auskennt, erkannte sofort die Schönheit von „Va pensiero“ und Abigailles Schlussarie. Ich aber, als Opernkennerin, vermisste an jenem Samstag auf der Bühne tiefgreifende Emotionen. Uns rührte in den zwei Stunden nichts zu Tränen. In einem Gespräch mit Blanche Kommerell in der Pause bestätigte die Schauspielerin meine Beobachtung. Ich kenne die Oper gut und habe oft in meinen Notizen vermerkt: „Chance verpasst.“
So schön die Sänger auch sangen und das Orchester auch spielten, die Magie musikalischer Momente wie des Duetts zwischen Abigaille und Nabucco oder der Arien von Abigaille und Nabucco entfaltete sich nicht. Es wirkte wie eine routinierte Aufführung, die den hieratischen Charakter dieses Theaterstücks nicht würdigte. Keine Gänsehaut, keine Tränen, keine Katharsis. Ich persönlich gebe der Regie die Hauptschuld, die oft übertrieben war. Zu viele unnötige Bühnenelemente lenkten von der ohnehin schon kraftvollen Dramatik ab. Aber auch der Dirigent trug eine Verantwortung für die Abwesenheit der Gänseaut: nicht genug aufmerksame Arbeit an der Musik der dramatischen Szenen und Arien und zu schnelle Tempi. Es hätte mehr Atem zwischen schnellen und langsamen Abschnitten vertragen, um den verschiedenen Emotionen des Protagonisten Raum zu geben, und seine Stimme muss, mal langsamer, mal lauter, aus tiefstem Herzen erklingen, dafür muss der Dirigent sich zurücknehmen und den Schauspieler blühen lassen. So gelang es Künstlern wie Maria Callas oder Jon Vickers in Opern wie Medea, Norma oder Fidelio das Drama zu entfalten.
Vor allem aber, es ist die Aufgabe des Regisseurs in einer Oper nicht nur Bühnenbilder und Kostüme zu entwerfen, sondern das Schauspiel der Darsteller zu lenken. Nun lese ich im Programmheft, dass die Regisseurin, Anja Nicklich, eine lange Karriere im Musiktheater hinter sich hat und Bühnenbild und Arienarbeit an der Hochschule für Musik und Theater Stuttgart lehrt. Das verwirrt mich. Warum hat sie also die beiden Arien des Baritons nicht angemessen mit ihm einstudiert? Warum hat sie nicht dafür gesorgt, dass der ansonsten hervorragende Bariton Martin Barta uns in seiner Wahnsinnsszene Gänsehaut beschert und uns die Haare zu Berge stehen lässt? Warum hat sie nicht die Ausdruckskraft in Abigailles großer Arie verstärkt? Wenn man das Libretto liest und der Musik folgt, wird deutlich, dass Abigaille und Nabucco im Laufe der Oper eine vollständige Transformation durchmachen. Abigaille ist nicht die ganze Zeit eine böse Hexe; Sie hat wunderschöne, lyrische Momente (wie im Trio mit Fenena und Ismaele), in denen man ihre schöne Seele unter dem Ego der Narzistin erahnen kann, und erst am Ende deutlich wird. Warum singt Abigaille ihre großartige Arie „Anch'io dischiuso un giorno“ („Auch ich hatte einst mein Herz der Liebe geöffnet, wie sehr sehnte ich mich nach der Unschuld jener ersten Tage zurück“) mit einen abgetrennten Kopf in der Hand (laut Programmheft sollte das der Kopf ihrer enthaupteten Mutter darstellen, aber woher hat sie diese Info?). Warum arbeitet die Regisseurin mit diesen überflüssigen Inszenierungsideen gegen die starken Emotionen dieser wunderschönen Arie? Es gab mehrere solcher Elemente in der gesamten Oper, wo ich mich fragte: „Was soll das bedeuten?“ und „Warum entkraften diese überflüssige Elemente der einfachen Botschaft der Musik?“ Es ist eine „verpasste Chance“, denn für solch kraftvolle Musikwerke gilt die goldene Regel: „Weniger ist mehr.“
Eine leere Bühne, Beleuchtung und etwas Arbeit an den Schauspielern hätten völlig ausgereicht, denn, wie ich eingangs erwähnte, ist Nabucco wie ein Shakespeare-Drama, und Shakespeare wusste mit seinem Globe Theatre, dass man nur eine Bühne und gute Schauspieler braucht um gutes Theater zu machen. Der kraftvolle Text erledigt den Rest.
Was sollte der Gekreuzigte während Zaccarias Prophezeiung im vierten Akt auf der zweiten Ebene der Bühne verdeutilichen? Ein netter Versuch, auf das zukünftige Erscheinen Jesu anzuspielen, aber warum? Das lenkte nur von Zaccarias wunderschöne Prophezeiung ab.
Was sollte das Pferd ohne Kopf so dominant auf der Bühne? Es ruinierte Nabuccos Arie „Dio di Giuda“, und warum sollte es eine Rolle spielen, dass er dem Tier am Ende der Arie das Herz herausschneidet? Es raubte dieser tiefgründigen Musik nur ihre Reinheit und Kraft – noch eine „verpasste Chance“.
Warum sollte Nabucco im Gefängnis Fenenas Rock tragen? Ich verstehe, dass es seine Liebe zu seiner Tochter symbolisieren soll, aber es ist albern und billig. Ich hätte mir etwas mehr Theatralik in der Darstellung des Baritons gewünscht, der die ganze Zeit mit ausgestreckter Hand und drei zum Publikum gerichteten Fingern umherging – ein Trick von Opernsängern, um mächtiger zu wirken, wo doch nur authentische ehrliche Darstellung wirklich wirkt.
Nun gut, ich möchte das Regieteam nicht zu viel kritisieren. Sie haben sich viel Mühe mit dem wunderschönen Bühnenbild gegeben, das einerseits an die Tempelmauer in Jerusalem und andererseits an das lost-place Freisebad in Görlitz (laut Programmheft eine Mikwe) erinnerte, um die morbide Atmosphäre der Endzeit zu suggerieren. Das war interessant. Auch die Kostüme fand ich interessant. Die beiden Welten der Hebräer und Babylonier unterschieden sich in Farbe und Stil. Schlichte Kleidung für das jüdische Volk („Anatevka“) und raffinierte schwarze Kleider, die an den spanischen Katholizismus und die italienische Commedia dell’arte erinnern – also an die Welt der Narren und der grausamen Priester der Inquisition, an Kriege, aber auch an Prunk und Luxus der Borgia-Päpsten. Dies sind interessante Ideen von der Kostümbildnerin Antonia Mautner Markhof. Schließlich war Baal in den Buchreligionen ein Fruchtbarkeitsgott, an dessen Götzenbild Menschenopfer dargebracht wurden.
(Friesebad in Görlitz. Quelle: https://www.cr-images.de/events_gallery.php?event=2017_08&page=1)
Was ich noch während der gesamten Inszenierung spürte, ist eine unterschwellige Antipathie des Regieteam für das jüdische Volk. Ich hatte ständig das Gefühl, dass jemand subtil versuchte, Kritik an Israel zu üben. Zacharias ist despotisch, brutal; Selbst das Ende, in der Musik ein eindeutiger Triumph des jüdischen Volkes und seines Gottes, wird von der Regisseurin als Massaker inszeniert: In letzter Sekunde ermordet Zaccaria Nabucco, Anna ermordet Zaccaria, und dann ermordet noch jemand jemand anderen, bevor der Vorhang fällt. Man bleibt ratlos zurück: Warum entkraftet man so die Musik? „Noch eine verpasste Chance.“
In dem Programmheft gibt Anja an, Agnostikerin zu sein. Nun, dann ergibt alles Sinn. Wenn sie die metaphysische Dimension dieses Kampfes zwischen falschen und wahren Göttern nicht versteht, wie kann sie dann Nabucco inszenieren? Es ist doch so einfach: wahrhaftig und authentisch zu bleiben. Ich fürchte, Anja selbst bräuchte eine Nabucco-Erfahrung, um etwas demütiger einfach Theater zu machen..

Nach der Analyse des Regieteams und der Empfehlung, „weniger ist mehr“ zu praktizieren und den Respekt vor der Musik zu lehren, wenden wir uns nun der Arbeit des Dirigenten und der Orchestermusiker zu.
Es bestand kein Zweifel, dass die Orchestermusiker diese Musik liebten und ihr mit Hingabe widmeten. Jedes Instrument gab sein Bestes, und besonders die Soli in den lyrischen Stücken schufen Magie. Wir haben in Görlitz ein großartiges Philharmonisches Orchester, das uns wunderbare musikalische Momente bescheren kann, also wir sollten sie gut behandeln. Ich hoffe, diese herausragenden Musiker fühlen sich unter der Leitung von Roman Brogli-Sacher, der seit einem Jahr hier tätig ist, wohl. Ich hätte mir jedoch mehr Feingefühl seitens des Dirigenten für die lyrischen Passagen gewünscht. Nicht alles muss so schnell gehen; Lyrik braucht Raum, um sich zu entfalten, und Dramatik kennt weder Zeit noch Rhythmus. Vielleicht braucht der Dirigent auch die Nabucco-Lektion: lass die Musik und die Musiker sich frei entfalten, als wärst du gar nicht da. Deine einzige Aufgabe als Dirigent ist es, das Orchester zusammenzuhalten.
Zum Ensemble: Wir müssen verstehen, dass Nabucco eine der letzten Belcanto-Opern und eines der ersten „Gesamtkunstwerke“ ist, in denen Theater, Musik und tiefgründige philosophische Weisheit zu einem großen Werk verschmelzen. Die Ausführenden solcher Werke dürfen keine Routine-Musiker sein, sondern wahre Diener der Kunst – idealerweise gute Schauspieler und begabte Belcanto-Musiker. Schwierig! Aber insgesamt war das Sängerensemble gut. Meiner Meinung nach besteht jedoch Potenzial für Perfektion. Ich werde nun erläutern, wie.
Zunächst einmal habe ich absolut nichts am Chor auszusetzen. Er war großartig! Nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch: Lob an den Chorsänger, der hörte, wie der Kopf des Götzenbildes (gleich zu Beginn der Oper) fiel, und ihn sehr geschickt, als wäre es tatsächlich Teil der Handlung, wieder aufsetzte. Sie spielten, tanzten und sangen, wie ein wahrhaft von Gott auserwähltes Volk. Deshalb erhielten sie und insbesondere der Chorleiter Albert Seidl am Ende den größten Applaus. Gut waren auch gesanglich und darstellerisch die kleinere Rollen Oberpriester (Peter Fabig) und Abdallo (Hyeongwoo Kim).
Die Rolle des Propheten Zacharias ist eine der wichtigsten und zugleich anspruchsvollsten Bassrollen in Verdis Opern, mit vielen lyrischen und dramatischen Szenen. Young Kwon beeindruckte mich vom ersten Ton an mit seinem wunderschönen, runden, perfekten Bass. Voll und dunkel, eine kraftvolle Stimme, technisch perfekt, oben und unten, gute Diktion und Temperament, natürliche Musikalität – der koreanische Sänger bot alles, was man sich von einer Zacharias-Interpretation wünschen kann. Nach seinem Abschluss an der Hochschule für Musik in Frankfurt studierte er in Italien bei Größen wie Renato Bruson und Lied bei Hartmut Höll und Mitzuko Shirai. Neben der Oper singt dieser talentierte Musiker auch viele Liederabende, was wahrscheinlich der Grund für seine exzellenten Leistungen als Opernsänger ist. Daher erhält Young Kwons Zacharias von mir 5/5 und ein Lob.
Anna wurde von der dramatischen Sopranistin des Ensembles, Yvonne Reich, gesungen. Diese Sängerin war natürlich eine Luxusbesetzung für diese kleine Rolle. Verdi hätte ihr für ihre Bescheidenheit gedankt, denn wir haben noch nie eine so gute Schauspielerin und erstklassige Sängerin in einer Nebenrolle gehört. Sie dominierte jede Szene, in der sie auftrat, und es war wirklich schön, dass die Regisseurin ein kleines psychologisches Drama für sie erdachte, so etwas wie die unterdrückte Ehefrau des Patriarchen Zaccaria, die ihn schließlich rächt und tötet. Also für Yvonne Reich 5/5 und Lode.
Nun kommen wir zum Paar Ismaele und Fenena.
Der Tenor Yalun Zhang ist noch sehr jung, da er erst dieses Jahr sein Studium an der Hochschule für Musik in Karlsruhe abgeschlossen hat und seit 2023 festes Ensemblemitglied des Theaters in Görlitz ist. Es ist ein wunderbarer Ort, um eine Karriere zu beginnen, und der Stern des jungen Künstlers leuchtet hell. Er hat hervorragende Chancen auf eine erfolgreiche Karriere, wenn er neben seinem stimmlichen und schauspielerischen Talent auch Durchhaltevermögen, Willenskraft und ein dickes Fell besitzt, alles was man für diesen Beruf braucht. Es lohnt sich bei diesem Tenor wirklich, dass er Solist bleibt und nie aufgibt. Vergleicht man seine online verfügbaren Aufnahmen von vor vier Jahren, so hat er unglaubliche Fortschritte gemacht; er ist also ein sehr intelligenter und bescheidener Künstler. Yalun Zhang ist der Belcanto-Sänger schlechthin: wunderschöne Kantilene, Mozartsche Klangfarben, ausgezeichnete Koloraturen und jene heroische Aura, die dieses Repertoire erfordert, um Prinz Ramiro in „La Cenerentola“, Graf Almaviva im „Barbier von Sevilla“, Don Ottavio oder Tamino zu singen. Der chinesische Sänger ist auch ein guter Schauspieler und hat noch Entwicklungspotenzial. Ich habe die Rolle mit diesem Belcanto-Tenor sehr genossen. 5/5 für Yalun Zhang und Lode.
Die französische Mezzosopranistin Johanna Brault sang die Fenena als Gast. Insgesamt war die Besetzung keine schlechte Wahl, doch neben dem wunderbaren Belcanto-Tenor wirkt sie wie aus einer anderen Welt. Ihre Stimme ist schön und dunkel mit einem unglaublichen metallischen Klang, der den Saal und die schwierige Akustik dieses Theaters durchdrang. Sie ist außerdem schön, eine versierte Schauspielerin – alles in allem exzellent. Dennoch ist diese Rolle nicht die richtige für sie. In ihrer wunderschönen Arie konnte sie den hohen Ton (ein A) nicht halten. Wie großartig würde sie in der französischen oder deutschen Oper glänzen, als Charlotte, vielleicht sogar als Melisande, Carmen oder Dalila, Waltraude oder Brangäne! Belcanto ist jedoch nicht ihre Stärke. Wir wünschen dieser wunderbaren Mezzosopranistin alles Gute; sie hat ein 4,5/5 wirklich verdient.
Nun kommen wir zu einer der beiden Hauptfiguren, Abigaille. Wie bereits erwähnt, erfordert diese Rolle eine erstklassige Tragödin und zugleich eine Belcanto-Spezialistin. Die Rolle übernahm die Primadonna des Görlitzer Theaters, Patricia Bänsch. Die dramatische Sopranistin singt seit 2003 am Görlitzer Theater; würde das kleine Theater den Titel „Kammersängerin“ vergeben, hätte Bänsch ihn sich redlich verdient. Sie singt alle großen Rollen. Und ich muss sagen, ohne sexistisch klingen zu wollen: Bänsch hat nicht nur eine unglaubliche, dunkle Ausstrahlung sondern auch eine tolle Figur. Denn wir sollten nie vergessen: Tosca oder Manon Lescaut, Elisabeth und Venus im „Tannhäuser“ waren wunderschöne Frauen, die Erotik ausstrahlten, und das ist im Theater sehr wichtig. Es ist immer frustrierend, wenn dramatische Sopranrollen mit sehr kräftigen Frauen besetzt werden, die zwar die körperliche Stärke für die schwierige Partie besitzen, deren Präsenz aber alles ruiniert! Görlitz hat mit Patricia Bänsch wirklich Glück. Als Abigaille zum ersten Mal als Anführerin der Soldaten auf der Bühne erscheint, schien eine elektrische Spannung im Raum zu entstehen (was eventuell sich kurz von dem Einschlafen befindliche Zuhörer, erweckte) – genau die Qualität, die Primadonnen haben sollen. Patricia ist ein geborenes Bühnentier und eine Drama-Queen par excellence. Sie passte hervorragend zu der Figur, die die Regisseurin für sie geschaffen hatte: eine bösartige Sadistin, nur Schatten, kein Licht.
Doch Abigaille ist auch Licht, und genau das habe ich schmerzlich vermisst. Eine „verpasste Chance“. Um dieses Licht zu zeigen, hätte es vollkommen genügt, an den lyrischen Passagen zu arbeiten und sie im echten Belcanto-Stil zu singen. Genau das habe ich so sehr vermisst: schöne, nuancierte, langsame Belcanto-Phrasen und wohlgesungene Koloraturen. Sie waren wirklich nicht gut. Patricia singt zwar wenig Belcanto und Mozart, doch das hätte ihrer Stimme nach all den Jahren von Dramatik sehr gutgetan - vielleicht auch einfach Liederabende ab und zu zu singen. Ihr Klang ist nicht mehr homogen. Sie hat eine strahlende, kraftvolle Höhe, aber eine nicht ausreichend runde Mittellage und, leider, nicht mehr die wunderschönen tiefen Töne, die sie einst als Mezzosopranistin besaß. Damit Patricia nicht wie Maria Callas oder Giuseppina Strepponi endet, verbrannt vom zu Ehrgeiz, hoffe ich, dass sie in den nächsten zwei Jahren weniger Hauptrollen erhält und mehr Gastsängerinnen eingeladen werden.
Ausserdem sollte sich vielleicht Patricia entscheiden, ob sie zukünftig mehr Belcanto, Mozart und Lieder singt, um uns dann herausragende Normas, Medeas und Abigailles zu schenken, oder ob sie sich als deutsche Tragödin weiterentwickeln möchte und uns wunderbare Isoldes, Fidelios und, am Ende (warum nicht?), eine Brünnhilde schenkt. In jedem Fall sollte sie etwas an ihrer Stimmhygiene arbeiten – wofür ihr so manche junge Sopranistin (die auf ihre Chance wartet) sehr dankbar wäre.
Ich denke sogar, Patricia könnte damit beginnen, beispielsweise ihren Kollegen, die nicht so gute Schauspieler sind, Unterricht zu geben. Aber bevor wir zum Hauptdarstellerer kommen, geben wir Patricia Bärsch unsere Stimme. Aufgrund ihrer mangelnden lyrischen Belcanto-Qualitäten und ihrer schwachen Koloratur würde ich ihr 4,5/5 Punkten geben. Ich gebe Patricia jedoch 5 von 5 Punkten, da ich Maria Callas genauso bewerten würde, und zwar unabhängig von ihrer Leistung. Bärsch ist eine wirklich herausragende Bühnenkünstlerin.
Nun kommen wir zum Protagonisten, und wie der Leser wahrscheinlich schon bemerkt hat, hat er mich etwas enttäuscht. Nein, nicht als Sänger. Er hat mich als Schauspieler enttäuscht. Wenn Abigaille erscheint und eine elektrisierende Aura den Raum füllt, sollte wenn Nabucco erscheint, der Saal von Donner erfüllt werden. In diesem Moment kommt auf die Bühne einer der wichtigsten aller Archetypen, der Mensch, für den das Theater überhaupt erst erfunden wurde, das Ego, das auf dem Altar des Gottes Dionysos stirbt, um wieder als Höheres Selbst zu auferstehen. Nabucco muss eine ebenso gewaltige Aura wie Jesus besitzen und das schauspielerische Talent von Charles Laughton, Laurence Olivier, Jon Vickers, Fjodor Schaljapin oder Manos Katrakis. Liebe männliche Opernsänger, studiert diese großen Schauspieler und sucht in euch jene Urkraft, die nötig ist, um das Publikum mitzureissen und eure Berufung als Schauspieler zu erfüllen!
Martin Bárta hat alle Voraussetzungen, um dies zu verwirklichen, und dann würden alle regionalen Theater einen Hauptdarsteller gewinnen, von dem die größten Opernhäuser nur träumen können. Der tschechische Bariton, der regelmäßig in Liberec und Ostrava singt – also quasi unser lokaler Bariton –, besitzt eine himmlische Baritonstimme! Ich sang im Chor der Arena di Verona, als Leo Nucci den Nabucco sang. Leo Nucci hätte sich eine so warme, authentische Verdi-Stimme gewünscht; er hatte sie zwar nicht, aber er war ein fantastischer Schauspieler. Martin hat eine unglaubliche Stimme und ist zudem gutaussehend und wie geschaffen für alle Vaterfiguren Verdis. Wenn er nur dieses schauspielerische Talent und diese Musikalität weiterentwickeln könnte, wäre ich bereit viel zu zahlen, um seinen Simone Boccanegra oder Rigoletto zu erleben! Und wenn der Dirigent mit dieser großartigen Stimme mehr spielen würde, sodass er die schönen Arien und die Wahnsinnsszene mit mehr Nuancen singen kann, dann wäre ihm sicherlich ein Triumph gelungen. Aber im Moment kann ich ihm keine 5/5 geben. Ich gebe diesem wunderbaren Bariton 4,5/5, weil ich ihm beim nächsten Mal, wenn ich ihn auf der Bühne sehe, gerne 6/5 geben möchte. Das ist möglich, und ich wünsche es ihm und dem Theater in Görlitz von Herzen. Die Oper wird nämlich noch vier weitere Male aufgeführt: am Sonntag, dem 9. November, am Freitag, dem 14. November, im Januar (10. Januar) und im April (5. April). Bis April haben wir die Zeit, alle „verpassten Chancen“ nachzuholen, die volle Energie dieses Meilensteins der Operngeschichte zu entfesseln, endlich viele Tränen im Publikum auszulösen und hoffentlich die berühmte Katharsis zu erleben. Sie kommt in diesem Werk sogar zweimal vor: in Nabuccos Gespräch mit Gott (Dio di Giuda) und in Abigailles Schlussszene. Dirigent und Regisseurin, bitte arbeitet ihr gut mit diesen wunderbaren Schauspielern und Sängern, damit Verdi zufrieden bleibt.
Der Abend endete mit lang anhaltendem Applaus. Das Publikum spendete Standing Ovations. Viva Nabucco, viva Verdi, viva Gerhart Hauptmann Theater und viva Görlitz!










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